Historisches zur „Neuen Klasse“

Da BMW bis weit in die 50er Jahre hinein nur Fahrzeuge „für Bankdirektoren und Tagelöhner“ (sowie Motorräder) herstellte und ein Mittelbau fehlte, geriet das Unternehmen in schwieriges Fahrwasser. Es brauchte ein Fahrzeug für die aufstrebene „Mittelklasse“ der Bevölkerung (gut verdienende Angestellte, Selbstständige) – das Marketing für den neuen Typ (der mit Hochdruck, aber begrenzten finanziellen Mitteln bereits seit 1953/54 entwickelt wurde) zielte entsprechend auf die Kunden einer sog. „Neuen Klasse“, welche dann die inoffzielle Bezeichnung für die Fahrzeugtypen E115 bis E121 wurde. Der gute Erfolg des BMW 700 und der Einstieg der Industriellenfamilie Quandt ermöglichte es BMW, den neuen Mittelklasse-Typ zu Ende zu entwickeln.

Die (neben dem 700er) als Retter von BMW gefeierte Neue Klasse wurde auf der IAA 1961 als BMW 1500 vorgestellt – der Serienanlauf startete erst 1 Jahr später. Mit dem neuen Typ 115 stieg BMW in die Großserienfertigung ein, zunächst mit vielen Kinderkrankheiten und Qualiätsmängeln. Im Baukastenprinzip folgten als Ausbaustufen der wenig erfolgreiche 1600, der sportliche 1800 (insb. als TI und vor allem TISA legendär bei Rundstreckenrennen u.a. mit Hubert Hahne) und der eher komfortbetonte 2000.

Design, Motor und auch Fahrwerk der Neuen Klassen waren zu seiner Zeit wegweisend. Das sachliche, klare Design mit italienischen Einflüssen in der angesagten Trapezform von Michelotti stand im Kontrast zu Barockengel und teutonischem oder auch amerikanischem Bombast – inklusive „Hofmeister-Knick“ an der C-Säule. Der wassergekühlte 4-Zylinder-Motor vom Typ „M10“ war eine komplette Neuentwicklung und in den 60er Jahren mit obenliegen-der Nockenwelle das modernste deutsche Triebwerk in der automobilen Mittelklasse, welches in nachfolgenden Ausbaustufen bis 1988 in Produktion blieb. Nebem dem M30 „Eisenschwein“-6-Zylinder, war es auch dieses Aggregat, welches den guten Ruf vom BMW im automobilen Motorenbau be-gründete. Neue Maßstäbe in Sachen Fahrdynamik setzte die Schräglenker-Hinterachse zu einer Zeit, wo bei Mercedes noch sanft wiegend „gependelt“ wurde.

Mit der Neuen Klasse gelang die Initialzündung für den Erfolg der nachfolgenden Modelle, insb. dem abgeleiteten „02“. Wesentliche Stilelemente („Sharknose“) wurden aber auch im E12 und E28, sozusagen Sohn und Enkel, weitergeführt. Während die Neue Klasse aber noch recht schmalspurig und mit eingeschränkter Qualitätsanmutung daherkam und auf die Nische des sportlichen Limousinenfahrers zielte, wurde unter von Kuenheim u.a. mit dem E12 eine Qualitäts- und Komfortoffensive gestartet, die deutlich auf Mercedes zielte.

Historie des Fahrzeugs

Erstzulassung am 8.4.1968 in Schweinfurt, der Wagen ist somit ein Serie 1-Typ mit Flacharmatur. Der erste Besitzer war Bj. 1914 und eine „Lokalgröße“ (Historie Vorbesitzer). Als damals 54jähriger Stadtrat entsprach er durchaus der typischen BMW-Zielgruppe des aufstreben-den Bürgertums (Neue Klasse!).

Im Jahr 1975 wechselte der Besitzer, der Wagen verblieb aber in Schweinfurt. Das originale Scheckheft wurde bis 1974 und Km-Stand 47.688 geführt – der neue Besitzer verzichtet offenbar auf eine weitere Wartung in der Fachwerkstatt.

1985, zehn Jahre später, wird der Wagen abgemeldet, aber nicht verkauft – dann verlieren sich die Spuren dieser Neuen Klasse im Nebel der Zeit. Erst 2018 taucht der Wagen in Köln bei einem Händler wieder auf und wird wiederbelebt. Er bekommt eine Restauration sowie neuen Lack in „bristol“ mit orangenem Rallyestreifen. Vor allem aber wird der Motor neu aufgebaut. Gegen das aus heutiger Sicht etwas schwammige Fahrgefühl hilft jetzt ein Bilsteinfahrwerk. Der sportliche Look wird durch einen Doppelrohrauspuff untermalt, der Innenraum bleibt 100% original.

Der Pappbrief von 1968 sowie das Service-Scheckheft sind erhalten geblieben und belegen die Historie.